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Manager*innen müssen sich im Corona-Zeitalter ehrlich machen –
Jahresrückblick 2020

„Was bleibt von diesem Jahr ist die Erkenntnis, dass der Seismograf für wirtschaftlich verantwortliches Verhalten deutlich stärker ausschlägt als je zuvor.

Ein ungewöhnliches und vor allem einschneidendes Jahr neigt sich seinem Ende zu und hat Spuren bei den Menschen, in der Gesellschaft und vor allem in der Wirtschaft hinterlassen. Angefangen mit dem Brand des Affenhauses im Krefelder Zoo durch leichtsinnigen Umgang mit fehlgeleiteten Chinalaternen, zeigte es sich bereits in den ersten Morgenstunden des neuen Jahres, dass dies beileibe kein einfaches Jahr werden würde. Als sich dann Mitte Januar die Hinweise verdichteten, dass ein neuer Virus sich von China aus seinem Weg um die Welt bahnte, ahnte noch keiner, dass wir uns Mitte März auf einmal in einem Lockdown befänden, mit dem das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben zum Erliegen kommen würde.

Masken, Abstandhalten und neue Hygieneregeln bestimmten auf einmal den Alltag von vielen Menschen und die deutsche Wirtschaftselite war mittendrin. Frühere Statussymbole wie das repräsentative Eckbüro, die Vielfliegerkarte der Lufthansa und das beharrliche Festhalten des Präsenzkults in den Bürotürmen der deutschen Metropolen, verloren binnen weniger Wochen ihre Bedeutung. Remote Working und Remote Leadership machten die Runde via LinkedIn und Co. Moderne Konferenztools wie Zoom, Teams, Jitsi, etc. stiegen auf wie Phönix aus der Asche. Langgehegte Vorbehalte gegen das Arbeiten im Home-Office lösten sich im Nichts auf, zeigten doch Deutschlands Arbeitnehmer*innen, dass sie mit Fleiß und Zuverlässigkeit die neuen Belastungen annahmen. Die großen Verlierer*innen des 1. Lockdowns waren jedoch die Kinder und die arbeitenden Eltern, die plötzlich alles in Personalunion waren: Erzieher*innen, Köch*innen, Lehrer*innen, systemrelevante Arbeitnehmer*innen, Manager*innen, etc. Vor allem das Schließen der Schulen und der Kitas erschwerten die Gesamtsituation in diesen Wochen um das Osterfest zusätzlich und das langverdrängte Rollenbild der Frau aus den 50er Jahre machte die Runde.

Als das Mitte Mai die ersten Lockerungen mit dem Rückgang der Fallzahlen kamen, bahnte sich für die Wirtschaft und vor allem für die Berliner Politik das nächste Drama an. Der Fall Wirecard machte seine Schlagzeilen und löste erstmals für einige Tagen die Debatten um das Coronavirus ab. Der über Jahre gehypte FinTech Star aus Aschheim bei München hatte im großen Stil betrogen und sich kriminellen Machenschaften hingegeben und das alles mit dem Segen der Bafin und den beteiligten Wirtschaftsprüfer. Dass dann in James-Bond-Manier die Schurken im Vorstand saßen und über Dunkel-Kanäle Milliardensummen verschwanden, machte den Wirtschaftskrimi erst recht perfekt. Noch immer läuft die Aufklärung und es zeigt sich bereits, dass Teile der Berliner Politik ebenfalls involviert sind.

Der Glanz der FinTech-Branche hatte mit Wirecard seine ersten Risse bekommen und als dann im Sommer die stark wachsende Handybank N26 mit seinen Gründern die Gründung eines Betriebsrats mit allen lauteren und unlauteren Methoden verhindern wollte, empörten sich mit einem Mal nicht nur die Gewerkschaften, sondern auch die wirtschaftsnahe Presse. Es schien, als sei dem Wachstumshunger der Branche keine Grenzen gesetzt und unternehmerische Verantwortung spielte allenfalls in Ethikbüchern eine Bedeutung. Der Shitstorm, der dann über die sozialen Medien über das Unternehmen hereinbrach, erinnerte ein wenig an die unsensible Entscheidung des Adidas CEO zu Beginn der Pandemie, die Ladenmieten auszusetzen. Im Gegensatz zu N26 handelte der CEO im gesetzlich zulässigen Rahmen, unterschätzte aber völlig, was diese Entscheidung bei den auf Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung ausgerichteten Käufergruppen des Unternehmens auslöste. Von Boykottaufrufen bis hin zu Diversitätsdebatten war auf einmal alles vertreten. Flugs kam dann im November die Bekanntgabe, dass man 2021 dann endlich die erste Frau im Vorstand habe. Exzellent ausgebildet, kosmopolitisch erfahren und unter Diversitätskriterien ausgewählt, passender konnte die Besetzung der neuen Vorständin nicht sein. Ob damit die Kritik an dem CEO und dem Modegiganten aus Herzogenaurach dauerhaft verstummen wird, wird sich zeigen.

Jetzt neigt sich das Jahr dem Ende zu und wieder sind wir mitten im Lockdown. Der Co-CEO des Onlineversandhändler Zalando überraschte kürzlich Wirtschaftsdeutschland mit der Nachricht, sich aus dem Vorstand zurückzuziehen und stattdessen seine Frau bei der Verwirklichung ihrer Karrierepläne zu unterstützen. Augenblicklich wurde er für die Nachricht gefeiert, jedoch forderten direkt die Ersten, dass nun bitte der Weg frei sein möge für eine Frau im Vorstand. Wie Zalando und die umtriebig agierende schwedische Aufsichtsratsvorsitzende darauf reagieren wird, wird sich zeigen.

Was bleibt von diesem Jahr ist die Erkenntnis, dass der Seismograf für wirtschaftlich verantwortliches Verhalten deutlich stärker ausschlägt als je zuvor. Von Top-Manager*innen wird erwartet, dass sie sich nicht nur um den wirtschaftlichen Erfolg ihres Unternehmens, sondern um ihr richtiges Verhalten kümmern. Jeglicher Fehltritt wird unerbittlich geahndet und aufgezeigt und über die sozialen Netzwerke folgt ein Shitstorm dem Nächsten. Der moralisierende Zeigefinger hat endgültig die Wirtschaftselite erreicht und stellt alles bisher Gekannte in ein neues Licht. Was macht das nun mit den Arbeitnehmer*innen, die sich wieder zwischen Home-Office und Kind und Kegel zurückfinden? Neben Zukunftsängsten bleibt vor allem die Frage, wie sehr sie noch die kulturelle Rückversicherung mit ihrem Arbeitgeber erleben. Die wichtigen Rituale, Sozialkontakte und damit Verbundenheit mit dem Arbeitgeber sind in Zeiten der Pandemie etwas Schlechtes geworden, der Mensch als soziales Wesen – soweit die Politik – grundsätzlich eine Gefahr.

Für mich ist das alles aber kein Grund in Pessimismus zu verfallen. Hat doch die Coronakrise sehr schön gezeigt, dass das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist. In diesem Jahr bin auch ich – wie viele andere auch – über mich selber hinausgewachsen. In Schallgeschwindigkeit habe ich mich an das digitale Arbeiten gewöhnt und festgestellt, dass Beratung und Workshops weiterhin möglich sind. Die persönlichen Kontakte waren in diesem Jahr umso wertvoller und ein echter Vertrauensbeweis. Als agile Beratungsboutique haben wir alle im Team Remote Working vorgelebt und auch unsere Klient*innen von den Vorteilen überzeugen können. Die nächsten digitalen Workshops und Beratungssequenzen sind bereits gebucht. Ein weiteres Highlight für mich ist in diesem Jahr, dass die Quote für weibliche Vorständ*innen tatsächlich gekommen ist. Seit rund zehn Jahren engagiere ich mich für mehr diverse Führung und habe sehr intensiv mit den Unternehmen und CEOs zusammengearbeitet, die klaren Vorteile in der diversen Führung sehen. Trotzdem ist die Quote ein wichtiges Signal für die Wirtschaft sich aufzurappeln und Worten Taten folgen zu lassen.

So bleibt mir nur das Fazit: Nicht alles, was 2020 gebracht hat, ist zum Vergessen. Vielmehr ist bei mir und auch anderen Top-Manager*innen die Erkenntnis gewachsen, dass notwendige Veränderungen nur durch einen exogenen Schock möglich sind. Corona hat uns diesen Schockzustand beschert. Es liegt jetzt an den verantwortlichen Manager*innen hieraus zu lernen und die Chancen zu ergreifen.

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